Geschichte

(Eine) Freischießen-Geschichte

Hatten im Laufe des Jahres viele Aktivitäten bestanden, wie Bataillons- und Kompanieversammlungen, Appelle der Einheiten, Tanzveranstaltungen mit den Damen, Stammtische, Vergleichsschießen untereinander und mit der Bundeswehr, also viele Aktivitäten, die das gesellschaftliche Leben der Bataillonsangehörigen bestimmen und ihm neben der Traditionspflege Inhalte geben, so freuen sich die „Aktiven“ eigentlich zu jeder Zeit auf ihr Freischießen. Und dabei auch besonders auf das wiederkehrende Ereignis – das Grünholen.

Grünholen

Immer vor und während des Mindener Freischießens fühlen sich alteingesessene Mindener von tausendundeiner buntfarbigen Erinnerung umdrängt und umlagert; sie wissen gar nicht wohin mit der Fülle der Geschichte und Geschichten. „Kinder – schafft´s euch Erinnerungen“ lässt der Schriftsteller Rudolf Herzog in einem seiner Bücher einen gütigen alten Herrn sagen. Vom mittelalterlichen Vogelbaum bis zur Festscheibe von 2000, vom früheren Laubholen bis zum heutigen Grünholen, vom Spießbraten bis zur Riesenbockwurst, vom alten echten Mindener Hausbräu bis zum garnierten Pils von heute ist eine bunte Geschichtskette entstanden, der wir alle zwei Jahre ein neues buntes Glied anreihen.

Die Stadt zeigt während des Freischießens ihr verwandeltes Gesicht. Unmittelbar vor den Festtagen ergeht ein Aufruf an die Bürger, durch Schmuck der Häuser mit Grün und Fahnen unserer Stadt das diesem einzigartigen Volks- und Heimatfest gemäße Aussehen zu geben. Somit beginnt für den echten und rechten Angehörigen des Bürgerbataillons das Freischießen mit dem Grünholen. Im Bataillonsbefehl steht dieser Dienst an erster Stelle. Wohlversorgt mit den nötigen Feuchtigkeiten und einem handfesten Imbiss fahren die Männer der Kompanien auf Lastwagenkolonnen und mit Omnibussen in die Wälder nahe Minden. Um das Festkleid unserer Stadt zusammenzutragen, fahren sie früh hinaus in das „Heisterholz“, in den Mindener Wald und nach Nammen.

Immer war es – besonders in der Innen- und Altstadt – ein stiller Wettbewerb. Jede Kompanie wollte ihren Bereich am schönsten hergerichtet sehen. Es gab in der Vergangenheit überzeugende Beispiele dafür, und namentlich die Straßen, durch die der Ausmarsch führte, sind tagelang verzaubert. Diese Beobachtungen hat man immer wieder machen können. Damals nach dem 1. Weltkrieg, nach den 15 Jahren ohne Freischießen, oder 1950, als nach der ungleich viel größeren Katastrophe von 1945 ein tastender Versuch unternommen wurde, dem sich dann Freischießen mit einer bis dahin nicht gekannten Beteiligung und Begeisterung anschlossen.

Der Wald wird in die Stadt geholt

Die Förstereien haben teilweise schon vorgesorgt, und ganze Berge Birkengrün und anderes Laubholz lagern an den Waldschneisen. Die jüngeren Dienstgrade, teilweise ausgestattet mit Motorsägen und Äxten, praktizieren im Fällen der Birken und Beladen der Fahrzeuge Teamgeist im Unterholz. Mühsam müssen sich die großen Grün-Transporter auf den schmalen Wegen durchzwängen. Nach mehrstündiger Waldarbeit, untermalt mit witziger Unterhaltung, gewürzt mit ausreichendem Frühstück, findet sich jede Einheit getrennt auf einem eigens ausgesuchten Sammelplatz wieder ein. Zwischenzeitlich haben ältere Kameraden frei improvisiert und auf einer Lichtung oder auf einem lichten Waldweg eine rustikal gedeckte Tafel aufgebaut. Der selbstgepflückte riesige Strauß frischer Waldblumen schmückt die Tafelmitte und gilt als Hinweis für den gemütlicheren Teil des Grünholens. Der beginnt allenthalben mit einer handfesten Erbsensuppe nebst kräftigen Einlagen und der dazugehörigen „lütjen Lage“. Derweil schießen kompanieeigene Musiker tapfer mit ihren Melodien den Hirsch im wilden Forst“, stellen die Frage, wer den „Wald da aufgebaut so hoch da droben“ und fanden über manche andere Klippe hinweg das „Heideröslein“, das geradezu zum Mitsingen und Mitschunkeln herausfordert.

Keine Bürgerkompanie will bei dieser gelösten und geselligen Atmosphäre auf Quartierbesuche verzichten. Der Stadtmajor mit Bürgermeister, Stadtdirektor, die Kommandeure unserer hiesigen Bundeswehr, der Stab des BürgerbatailIons, die heimische Presse und weitere gerngesehene Ehrengäste besuchen bei der geplanten Waldrundreise jede Kompanie in ihren Waldquartieren. Da die Überprüfung des Arbeitseinsatzes selten längere Zeit in Anspruch nimmt, können sich die Gäste vielseitig und reichlich bewirten lassen.

In den Nachmittagsstunden kehren die mit Grün beladenen Einheiten in die Stadt zurück. Unver- züglich beginnt in der Innen- und Altstadt emsiges Werken. Man ist mit der Verteilung und Befestigung des Birkengrüns bis in die Abendstunden hinein beschäftigt. Es ist guter Brauch, dass die Mindener Bevölkerung den Männern mit Grün ein Dankeschön serviert, und es ist auch eine alte Sitte, den Waldtrupps Korn, Bier oder belegte Brötchen zu reichen.

Die Stadt hat ihr Festkleid angelegt; das Freischießen kann beginnen.

Allenthalben ist man sich in den Kompanien einig: Das Grünholen ist zwar nicht Höhepunkt unseres Volksfestes, aber mehr als ein gelungener Auftakt; eigentlich der schönste Tag für die Angehörigen der Kompanien und Eskadron.

Dieser Auftakt wird auch von der gesamten Mindener Presse stets entsprechend gewürdigt. Aus den Berichten und vielen Bildern spricht die gute Laune der „Holzfäller“, die bei strahlendem Sommerwetter voll auf ihre Kosten gekommen waren. Am Abend hatte die Stadt ein grünes Kleid angelegt, und man spürte, dass nun das große Fest vor der Tür stand.

Einholen der Fahne und die Serenade

Der Bevölkerung zeigte sich die erste offizielle Veranstaltung des Freischießens dann am Donnerstag- abend beim Einholen der Fahnen aus dem Museum in der Ritterstraße in das historische Rathaus am Markt. Es gehört zur Tradition des Festes, dass eine Fahnenkompanie die Fahnen aller Einheiten vor dem Museum übernimmt und begleitet vom Bürger-Tambourkorps und dem Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Minden (hier werden Erinnerungen an alte Aufgaben des Bürgerbataillons wach!) zum Rathaus bringt. Nach Abschreiten der Front werden die Fahnen feierlich ins Rathaus getragen, wo sie bis zum Ende des Freischießens ihr Standquartier haben.

An diesem Abend spielte der Musikzug und das Tambourkorps vor einer vielhundertköpfigen Zuschauerkulisse die „Serenade“, von vielen auch kleiner Zapfenstreich genannt, vor dem altehrwürdigen tausendjährigen Dom. Zuvor waren im kleinen Rathaussaal verdiente Angehörige des Bataillons, die durch ihr Engagement, durch ihr Wirken und Tun maßgeblichen Anteil daran hatten, dass Mindens Tradition weiter überdauert, mit der Ehre ausgezeichnet worden, sich ins Ehrenbuch eintragen zu dürfen.

Der Haupttag: Ab 6 Uhr hört man Trommler und Pfeifer

Am Freitag, dem Haupttag, beherrscht das Freischießen das Leben in der ganzen Stadt. Ab 6 Uhr früh hört man die Trommeln und Pfeifen der Tamboure, und eine gute Stunde später versammeln sich die Kompanien in ihren Stadtvierteln.

Überall sieht man sie nun zusammenströmen in den schwarzen Anzügen, den Zylinder nach alter Väter Sitte auf dem Kopf, den Degen an der Seite oder das Holzgewehr in der Hand. Traditionell für jede Kompanie ist die Farbe der Blume am „Gewehrlauf“. Sie formierten sich und marschierten unter Vorantritt einer Kapelle und eines Spielmannszuges zum Antreteplatz auf dem Simeonsplatz. Von nun an war die Stadt erfüllt vom Klang der zahlreichen Kapellen, die dem Fest den musikalischen Rahmen gaben: das Bürger-Tambourkorps, der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Minden, die Feuerwehrkapelle Holzhausen, die britische Kapelle des Duke-of-Wellington-Regiments, der Spielmannszug Lübbecker Straße-Hahlen, das ZEWA-Trompeterkorps, die Feurwehrkapelle Wietersheim-Leteln und der Reiterfanfarenzug Höfen.

Es ist immer ein farbenfrohes Bild, wenn der Stadtmajor dem Bürgermeister das im geschlossenen Karree mit rund 1000 Mann angetretene Bataillon meldet. Bei strahlendem Sonnenschein krönt der Bürgermeister, als oberster Dienstherr des Mindener Bürgerbataillons, nach altem Brauch noch einmal die Könige und schreitet mit ihnen und den Ehrengästen die Front des Bataillons ab. Dann beginnt der Parademarsch des Bürgerbataillons zum Festplatz, früher zur Kanzlers Weide, heute zwischen Rathaus und Dom. Tausende in den Fenstern und an den Straßen, die der Zug berührte. Eine festliche Hochstimmung liegt über den Menschen; sie winken mit Fähnchen, werfen Blumen und applaudieren, wenn ihnen irgendeine Gruppe besonders gefällt.

Ein Höhepunkt des Ausmarsches ist immer wieder die Eskadron mit dem Fanfarenzug aus Höfen. Bürgermeister, Rat und Ehrengäste nehmen am Scharn den Vorbeimarsch des Bataillons ab. Die meisten Mitmarschierer machen dies durchaus geordnet mit, fassen es aber recht zivil auf, was man an ihren lachenden Gesichtern deutlich erkennen kann. Tausende der Zuschauer schlossen sich dem Bataillon auf seinem Marsch zum Festplatz an. Die alten Könige, die während des Marsches in der offenen Kutsche gefahren wurden, werden nun „entkrönt“, und der Wettkampf um die Königswürde kann neu beginnen.

Das Schießen um die Königswürde beginnt

Traditionsgemäß eröffnet der Bürgermeister der Stadt Minden das Königsschießen mit dem ersten Schuss für den Bundespräsidenten. Nachdem die Regierungspräsidentin ihren Schuss abgegeben hatte, folgte eine stattliche Zahl prominenter Gäste mit sehr unterschiedlichen Schießergebnissen. Das Königsschießen und das Warten aufs Ergebnis dauert, ist inzwischen aber auf zwei Stunden begrenzt worden. Zahlreiche Jubelschreie erklingen, wenn wieder ein Schütze eine Zehn erzielt hat. Doch wird sie reichen? Die besten „Volltreffer“ werden anschließend genommen und per Computer einer Mindener Firma ausgewertet. Auf den Tausendstel Millimeter genau wird nachher feststehen, wie weit die beiden besten Schützen vom Zentrum entfernt lagen.

In der Zwischenzeit sorgten die auf dem Festplatz vertretenen Schaustellerbetriebe für Unterhaltung der Besucher. Im Rathaussaal hat die Stadt Minden indes zum Ratsessen geladen. Tischreden werden gehalten, verdiente Angehörige des Bataillons mit dem Bataillonsorden ausgezeichnet. Um 17.00 Uhr war es dann soweit. Die Namen der beiden Könige des Mindener Freischießens stehen fest. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Getuschele auf dem Festplatz riesengroß. Na, wer ist denn nun König. Der soll´s sein, nein, der hat eine optimale Zehn geschossen. Letztlich kommt es aber doch anders. Auf der Tribüne vor dem Dom haben sich die ehemaligen Könige versammelt. Der Stadtmajor kommt hinzu, außerdem seine beiden Adjutanten. Noch ein kleiner Augenblick, dann steht auch der Bürgermeister auf dem Podium. Ein Offizier kümmert sich derweil um den Ehrentrunk. Dann der große Augenblick. In diesem Moment wissen die neuen Königskompanien schon Bescheid. Sie haben Aufstellung genommen, um ihre neuen Majestäten anschließend durch die Innenstadt zu begleiten. Dann stehen sie oben: die beiden Mindener Freischießen-Könige. Voller Stolz erfüllt, ebenso wie es all ihre Kameraden sind, denn einen König möchte jede Kompanie haben. Das 15. Pr. Infanterie-Regiment von 1836, dass seit jeher bei der 2. Kompanie mitmarschiert, schießt einen Salut. „Die neuen Könige, sie leben hoch“, ruft der Bürgermeister. Und im Herzen Mindens herrscht Hochstimmung.

Nach dem Marsch durch die Innenstadt werden die beiden neuen Majestäten ins Rathaus geführt und dort wieder entkrönt. Die Kronen werden traditionsgemäß gegen Lorbeerkränze ausgetauscht. Draußen ist die Spannung jetzt dahin, fortan regiert die Lockerheit, ist Feiern angesagt. Auch bei jenen Kompanien, die es in diesem Jahr nicht geschafft haben. Macht nichts, auf ein Neues beim nächsten Königsschießen. Man freut sich trotzdem mit den neuen Majestäten. Und Minden steht Kopf. Hier wird nun ein wahres Volksfest bis spät in die Nacht gefeiert. Es ist und bleibt, daran kann niemand rütteln das „Fest der Mindener“.

Aber auch das ist Tradition: um 3.15 Uhr ist Schluss. Dann begleiten die Mindener ihre König mit Musik zum Kehraus bis ans Wesertor, wo sich, wie in früheren Jahren von Kanzlers Weide kommend auf die Marktplatz die Auflösung der Festgemeinde sich „in ruhiger Form“ vollziehen soll. Der Begriff „in ruhiger Form“ steht wie in Stein gemeißelt für das Freischießen, denn auf keinem anderen Fest rund um Minden geht es so gesittet und trotzdem festlich zu, wie beim Freischießen. Keine Randale, niemand wird ausfällig. Für viele Gäste in der heutigen Zeit ein völlig ungewohntes Bild. Zudem kann man es sich hier noch herzhaft schmecken lassen: Bier aus einem pfandfreien Glas und nicht, wie fast überall sonst, aus einem Plastikbecher, für den auch noch eine Sonderabgabe getätigt werden muss.

An den anderen Tagen ziehen die Kompanien auf Wache

Die übrigen Tage des Freischießens gehören den Kompanien und der Eskadron. Im Anschluss an den Haupttag finden im Rahmen des Freischießen am Samstag und Sonntag die Kompanie-Ausmärsche, auch Wachtage der Kompanien genannt, statt. Sie dienen in erster Linie der Pflege der Kameradschaft, Freundschaft, Tradition und Verbundenheit mit der Bevölkerung im eigenen Kompaniebereich. Und damit nicht alle Einheiten an einem Tag geballt marschieren, wurden sie auf zwei Wachtage aufgeteilt. Unterteilt nach geraden und ungeraden Kompanie-Zahlen. Und die 1., 3. und 5. bzw. 2., 4. und 6. Kompanien marschieren im Wechsel der Freischießen am Samstag bzw. Sonntag, um im darauffolgenden Fest „Zwischen Rathaus und Dom“ die Rollen, sprich Wachtage dann zu tauschen. Einzig die Bürger-Eskadron hat ihren festen Tag. Sie reitet generell am Sonntag und trifft auch traditionell als letzte Einheit in der Innenstadt ein.

Den Schlusspunkt setzt der Große Zapfenstreich bei Fackelschein in der Dunkelheit der Nacht. So war es auch in jedem Freischießen-Jahr – und so wird es sicherlich auch noch in vielen kommenden sein. Denn das Mindener Bürgerbataillon ist ein lebendiger Teil unserer Stadt ist, das allerdings auch heute noch unterschiedliche Beurteilung in der Bevölkerung erfährt. Mögen seine Kritiker nicht übersehen, dass die „altehrwürdige Institution“ eine über viele Generationen reichende Gemeinschaft darstellt, deren Tradition zu pflegen allein schon eine Aufgabe ist. Um diese Gemeinschaft mit Leben zu erfüllen und ständig zu verjüngen, bedarf es immer neuer Impulse. Lesen wir daher noch einmal ein Zitat von Hauptmann Klaus Marowsky: „Wir haben im Mindener Bürgerbataillon vielen Vereinigungen jeglicher Art so manches voraus, und das müssen wir aktivieren. Wir haben ein Ziel, eine Zielstellung und können alles das, was wir jetzt oder in Zukunft tun werden, auf dieses gemeinsame Ziel ausrichten, das Minden heißt.“

Wenn Redlichkeit herrscht in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und allen übrigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens dieser Stadt, wenn ihre Bürger mit einem guten Gefühl – das Wort „Stolz“ soll hier nicht strapaziert werden – sagen können: „Ich bin ein Mindener“ dann wird das Mindener Bürgerbataillon und sein Freischießen noch viele Generationen überdauern.