325 Jahre Mindener Freischießen

Ein kleiner Rückblick auf 325 Jahre Mindener Freischießen

Ein kleiner Rückblick auf 325 Jahre Mindener Freischießen

Als man von der Schießprämie noch 50 Schafe kaufen konnte…

Die ganze Bürgerschaft zog am 28. Juli 1682 auf die Simeonsmarsch hinaus und schoss, so der Wortlaut der Chronik, „ daselbst nach der Scheibe, wobei der Amtmeister Stolte den besten Schuss tat, und, mit einem grünen Kranze geschmückt, in die Stadt feierlich zurückgeführt wurde.“ Johan Stolte war ein außerordentlich aktiver Bürger seiner Vaterstadt. Von Beruf Schmiedemeister und Obermeister seiner Innung, bekleidete er außerdem viele Ehrenämter. So war er Vorstandsmitglied der Heiligen-Geist-Stiftung, die sich der Betreuung von Armen und Kranken widmete. Er leitete die bedeutendste Mindener Sterbekasse und gehörte ständig verschiedenen Ausschüssen an. An den Beschlüssen über das Freischießen wirkte er mit. Auch bekleidete er ab 1693 das Amt des „Direktors der Stadtoffiziere“, das – wie wir wissen – dem heutigen Stadtmajor vergleichbar ist. Die Steuerbefreiung für seinen besten Schuss brachte Johan Stolte als sicherlich wohlhabendem Mann eine Ersparnis von 13 Talern. Zu dieser Zeit wurden ein Schaf mit einem und ein Pferd mit sieben Talern bezahlt.

Gemessen an diesen Werten muss man die kurfürstliche Verordnung der Schießprämie von 50 Talern als erhebliche Aufwertung des jungen Mindener Freischießens ansehen. Von nun an wurde das Fest jährlich gefeiert und der Sieger ab 1683 als „König“ bezeichnet. Selbstverständlich ließen die an Ordnung gewöhnten Mindener solch ein Fest nicht einfach laufen, sondern sie stellten strenge Regeln der Fröhlichkeit auf, die sich im Prinzip bis heute gehalten haben. Das Freischießen erhielt seine erste feste Ordnung in einem vom Rat der Stadt Minden erlassenen Reglement von 1689. Es ist wohl als die Grundlage aller späteren Veranstaltungen zu betrachten. Allerdings bezieht es sich nur auf Ausmarsch, Schießen und Einmarsch. Zunächst wird das Schießen selbst behandelt. Es wurde mit den Schüssen des Königs, des Bürgermeisters, des Rats und des Stadtsekretärs eröffnet. Die Quartierherren, die ebenfalls dem Rat angehörten und damals noch die „Kapitäns“ ihrer Quartierkompanien waren, schossen als erste ihrer Kompanien, ihnen folgten die Kompanieoffiziere, Leutnant und Fähnrich. Einzelne Bestimmungen über das Schießen, das korporalschaftsweise vorgenommen wurde, beziehen sich zum Beispiel auf das Versagen der Büchse, wofür ein Mariengroschen bezahlt werden musste, auf die Prüfung der beiden Scheiben, die Erwähnung des Königs, der von der ganzen Bürgerschaft und den beiden Feuerherren nach Hause geleitet wurde.

Den Beschluss des Reglements bilden Vorschriften über die Disziplin der Wache, zu der jede Kompanie drei Mann zu stellen hatte; sodann das Verbot, auf dem Schützenplatz Branntwein zu verschenken oder Kegel zu schieben – offenbar beides beliebte Missbräuche. Die Teilnahme am Ausmarsch und am Schießen war Pflicht. Hiervon waren nur befreit die Witwen ohne Söhne, die für sie eintreten konnten, die Kranken, die Verreisten, die aber die Notwendigkeit ihrer Reise nachweisen mussten, Arbeitsleute und Brauknechte, die gerade in der Brauarbeit begriffen waren, der Leggemeister, der seine Linnenlegge nicht verlassen durfte, sowie einige Leute vom Nordholz und die Dammknechte. Wer von den anderen Bürgern vorsätzlich vom Ausmarsch und Schießen fernblieb, gegen den wurde mit der Exekution der Pfändung vorgegangen.

Eine interessante Ergänzung zu diesem Reglement von 1689 bringt dann das Memorial-Hauptbuch der Stadtoffiziere von 1693. Darin werden unter dem Jahr 1704 die Vorbereitungen zum Scheibenschießen eingehend angegeben. Am 9. Juni 1704 hatte der Bürgermeister die Stadtoffiziere angewiesen, der Bürgerschaft durch die Korporale ansagen zu lassen, sich am nächsten Dienstag, 17. Juni, mit Ober- und Untergewehr, bei einem Taler Strafe, fertig zu halten für den Ausmarsch zum Scheibenschießen. Der Befehl ist ausgeführt worden. Am 17. Juni um 4 Uhr morgens wurde die Vergatterung geschlagen. Jeder Offizier fand sich um 6 Uhr auf dem Musterungsplatz ein, stellte seine Kompanie auf, jedes Rott zu 40 Mann, mit zwei Korporalen und einem Vizeleutnant. Vor dem Abmarsch war der Kompanie verboten, auf dem Marsche zu schießen, Tabak zu rauchen oder sich ungebärdig zu benehmen. Um 7 Uhr musste jeder Leutnant mit seiner Kompanie auf dem Großen Domhof stehen. Darauf erfolgte der Ausmarsch. Wenn dann das „ganze Regiment“ draußen auf dem Schießplatz war, verlas der Stadtsekretär vor der gesamten Bürgerschaft die Artikel des besprochenen Reglements. Danach wurden zur Fahnenwache kommandiert die „Gefreiten, die auf den Wachen zu Gefreiten sich gebrauchen lassen“. Unterdessen hatte der Fiskal draußen auf dem Schießplatz für die Herren Stadtoffiziere eine Mahlzeit beschafft. Dafür erhielt er vom Kollegium der Stadtoffiziere einen Taler. Für das Geld wurden gekauft 12 Pfund Rindfleisch, ein halbes Kalb, zwei Schüsseln Salat mit Baumöl und Essig, 6 Pfund Käse, 2 Pfund Butter, Pfeifen und Tabak. Was übrig blieb vom Geld, erhielt der Fiskal für seine Bemühungen.

Als Vorbereitungen zum Freischießen sind noch folgende Einzelheiten verzeichnet: Die Scheiben, die 160 Schritt vor den Schießpfählen stehen mussten, und die Dielen für das Ratszelt lieferte das städtische Bauamt. Die Kämmerei beschaffte die „Braken zu den Zelten“ (wohl die Reiser zum Ausschmücken der Zelte). Die Bierlieferung erhielt ein vom Rat benannter Bürger, der die Braugerechtigkeit besaß. Die Stadtoffiziere stellten die Musikanten, die 6 Taler bekamen, außerdem die Tische, Stühle und Trinkgefäße. Den Aufbau und die Aufwartung besorgten die städtischen Wächter, von denen zwei die Schüsse notieren mussten. Sie bekamen dafür 6 Groschen, die anderen Wächter je 3 Groschen und der Kuhlengräber für die Aufstellung der Tische auch 3 Groschen. Die Stadt gab den Stadtoffizieren für das Festmahl 4 Reichstaler und eine Tonne Bier. Was sie für die Tamboure ausgaben, erhielten sie vom Magistrat ersetzt.

Im Zuge einer gewissen Demokratisierung war vom Magistrat und den Stadtverordneten am 26. Mai 1848 ein Statut der „Bürgerwehr in dem Stadtgebiet Minden“ erlassen worden. Dieser Begriff setzte sich jedoch nicht durch, obwohl Rechte und Pflichten der Kompanien und der Eskadron erhalten blieben. Über die Aufgaben dieser „Bürgerwehr“ gab es im Statut eine eindeutige Aussage: „Zweck und Pflicht der Bürgerwehr ist, für die Ruhe und Ordnung, Sicherheit der Person und des Eigentums sowie bei entstehender Feuersgefahr für Rettung und Löschung Sorge zu tragen.“ Der hier angesprochene Einsatz bei Feuergefahr gehörte zu den traditionellen Aufgaben der Kompanien. Schon nach der Feuerordnung vom Jahre 1639 lag die Leitung der Brandbekämpfung in den Händen der „Stadtoffiziere“. Das galt auch für das 18. und 19. Jahrhundert.

In den Anfangszeiten der großen Mindener Stadtfeste spielten finanzielle Probleme eine wesentliche Rolle. So wurde das Fest von 1711 bis 1729 wegen des „schwer verschuldeten Gemeinwesens“ ausgesetzt. 1730 ging es wieder weiter, und drei Jahre später wurde erstmals um zwei Kronen geschossen. Eine neue silberne Krone hatten die Bürger aus Geldern für Bollwerksdienste angeschafft. Im Laufe der Jahrhunderte musste das Freischießen aus verschiedenen Gründen hin und wieder ausfallen. So auch 1735. Man schoss daher im nächsten Jahr zwei Könige aus und setzte dem zweiten König die „alte“, aus Messing gefertigte Krone auf, wie es auch heute wieder üblich ist.

Die Zeiträume – ein- oder zweijährig – wechselten wie auch die Plätze des Freischießens in diesen Jahren. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Mindener Freischießen allmählich zu dem Fest, wie wir es heute kennen. Die wenigen Berichte, die aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vorliegen, schildern meist mit großer Begeisterung das schöne Bürgerfest des Freischiessens auf der Königswiese (Schweinebruch). In dieser Zeit wurde das Freischießen schon alle zwei Jahre abgehalten. Es nahm an Umfang immer mehr zu. Auf der Königswiese waren wohl über 50 Buden und Zelte, darunter das Ratszelt und drei Tanzzelte. Der Platz machte einem zeitgenössischen Beobachter von ferne den Eindruck eines kleinen Feldlagers. Die Ausdehnung wird dazu geführt haben, dass das Freischießen auf Kanzlers Weide verlegt wurde. Hier fand es zum ersten Male im Jahre 1841 statt.

Ein Ereignis beim Freischießen im Jahre 1867 soll noch herausgehoben werden, weil es einmalig in der Geschichte des Bürgerbataillons ist. Die Auseinandersetzung um die Königsproklamation brachte dem Bürgerbataillon 1868 ein noch heute gültiges Statut. Wenn am Haupttag das große Mindener Volksfest seinen Höhepunkt erreicht und der ehrgeizige Wettstreit um Krone und Talerprämie mit dem besten Schuss entschieden ist, dann ist die Herrschaft über die Stadt Minden auf zwei neue Regenten übertragen worden. Jeder weiß, in Minden werden keine Könige „gemacht“. Viele Nachkriegskönige sind ein Beispiel dafür, dass man bei der Königsproklamation nicht auf den Geldbeutel achtet. Eine unparteiische Schießkommission nimmt die optische Auswertung der Schießergebnisse auf 1/1000 mm Genauigkeit vor.

So fanden auch alle aus der über 300jährigen Freischießen-Geschichte überlieferten Königskrönungen in bester Eintracht statt, bis auf ein Freischießen, als es am Haupttag, am 17. Juli 1867, auf dem Festplatz um die Königsproklamation zu einer Auseinandersetzung kam, die in einer offenen Meuterei einiger Stadtoffiziere und ihrer Kompanien endete. Es ging um die Frage, wer wohl König würde. Die besten Schützen seien keine „selbständigen Bürger“ gewesen. Letztlich wurden sie aber zu Recht als Könige anerkannt. Im Zusammenhang mit diesen Vorfällen dürfte das neue Statut für die Bürgerkompanien, das am 14. Mai 1868 von den städtischen Kollegien erlassen wurde und in dem unter anderem auch die Teilnahme am Freischießen sowie die Königsfrage geregelt wurden, stehen. So haben diese Bestimmungen ihre Gültigkeit bis zu dem heutigen Tage behalten, an dem nach den gleichen Grundsätzen die neuen Könige „ausgeschossen“ werden. Hatten der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung das Leben im gesamten Bürgerbataillon geregelt, so gaben sich neun Jahre später die Stadtoffiziere zusätzlich ein eigenes Statut, in dem der Abschnitt über die Stadtoffiziere der Satzung von 1868 wörtlich übernommen wurde. Diese beiden „Grundgesetze“ des Mindener Bürgerbataillons haben sich in ihrem Inhalt nun schon weit über hundert Jahre gehalten, wobei selbstverständlich Konzessionen an die politische, wirtschaftliche und technische Entwicklung der Zeit nicht ausblieben. Aber eines ist geblieben, was das Mindener Tageblatt 1954 in einem seiner Berichte feststellte: „Das Fest der Feste aller Mindener.“